{"id":6022,"date":"2018-09-14T02:00:00","date_gmt":"2018-09-14T00:00:00","guid":{"rendered":"https:\/\/www.fiwonline.de\/finnland-vorabentscheidungsersuchen-zur-frage-der-geltung-des-europaeischen-unternehmensbegriff-auch-fuer-das-nationale-kartellschadensersatzrecht\/"},"modified":"2018-09-14T02:00:00","modified_gmt":"2018-09-14T00:00:00","slug":"finnland-vorabentscheidungsersuchen-zur-frage-der-geltung-des-europaeischen-unternehmensbegriff-auch-fuer-das-nationale-kartellschadensersatzrecht","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.fiwonline.de\/en\/finnland-vorabentscheidungsersuchen-zur-frage-der-geltung-des-europaeischen-unternehmensbegriff-auch-fuer-das-nationale-kartellschadensersatzrecht\/","title":{"rendered":"Finnland: Vorabentscheidungsersuchen zur Frage der Geltung des europ\u00e4ischen Unternehmensbegriff auch f\u00fcr das (nationale) Kartellschadensersatzrecht"},"content":{"rendered":"<div class=\"elementor-post\">\n                <!-- \n\n<div class=\"elementor-date\" style=\"font-size: 14px; color: #666;\">14.09.2018<\/div>\n\n --><\/p>\n<div class=\"elementor-keywords\">\n<div class=\"keywords-container\" style=\"background: linear-gradient(to bottom, #eee, #f5f5f5); box-shadow: 2px 2px 10px rgba(0, 0, 0, 0.28); padding: 1em 0em 1em 1em; margin: 1em 0 2em 0; border-radius: 1px; line-height: 1.5;\">\n<div class=\"title-h6\" style=\"font-size: 12pt; line-height: 18.75pt; font-weight: bold; text-align: left; color: #393D50;\">EUGH<br \/>Vorabentscheidungsersuchen<br \/>Unternehmensbegriff<br \/>Kartellschadensrecht<br \/>Bu\u00dfgeldverfahren<br \/>ECN+<\/div>\n<\/div>\n<\/div>\n<div class=\"elementor-content\" style=\"font-size: 16px; line-height: 1.5;\">\n<p>Vorabentscheidungsersuchen:<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/eur-lex.europa.eu\/legal-content\/DE\/TXT\/HTML\/?uri=CELEX:62017CN0724&amp;from=EN\">https:\/\/eur-lex.europa.eu\/legal-content\/DE\/TXT\/HTML\/?uri=CELEX:62017CN0724&amp;from=EN<\/a><\/p>\n<p>Am 5. M\u00e4rz 2018 ist im Amtsblatt der Europ\u00e4ischen Union ein Vorabentscheidungsersuchen eines finnischen Gerichts ver\u00f6ffentlicht worden. Das oberste Gericht Finnlands, Korkein oikeus, hat dem EuGH am 22. Dezember 2017 ein Vorabentscheidungsersuchen vorgelegt, \u00fcber das noch nicht entschieden worden ist. In diesem will der Korkein oikeus kl\u00e4ren lassen, ob der unionsrechtliche Unternehmensbegriffs im Bu\u00dfgeldverfahren auch auf das Kartellschadensersatzrecht zu \u00fcbertragen ist und inwieweit er dieser auf nationales Recht durchschl\u00e4gt.\u00a0\u00a0<\/p>\n<p><span style=\"text-decoration: underline;\">\u201eUnternehmensbegriff&#8220;<\/span><\/p>\n<p>Der unionsrechtliche Unternehmensbegriff ist auf europ\u00e4ischer Ebene\u00a0 in st\u00e4ndiger Rechtsprechung definiert. Danach ist ein Unternehmen \u201ejede eine wirtschaftliche T\u00e4tigkeit aus\u00fcbende Einheit, unabh\u00e4ngig von ihrer Rechtsform und der Art ihrer Finanzierung.&#8220; Wesentliche Bedeutung entfaltet er bisher im Kartellhaftungsrecht bei Bu\u00dfgeldern. So ist die Haftung f\u00fcr Bu\u00dfgelder, die wegen eines Versto\u00dfes gegen Art. 101 AEUV ausgestellt wurden, nicht lediglich auf das konkret verantwortliche Unternehmen beschr\u00e4nkt, wenn dieses Teil einer gr\u00f6\u00dferen wirtschaftlichen Einheit ist. Im Ergebnis f\u00fchrt der unionsrechtliche Unternehmensbegriff zu einer verschuldensunabh\u00e4ngigen Konzernverbundhaftung, wie sie der deutsche Gesetzgeber mit der 9. GWB-Novelle in nationales Recht eingef\u00fchrt hat. Die europ\u00e4ische Praxis wird von weiten Kreisen in der Literatur allerdings als nicht rechtskonform erachtet. Es wird kritisiert, dass jene gegen rechtsstaatliche Grunds\u00e4tze wie den Gesetzesvorbehalt, den Schuldgrundsatz und die Unschuldsvermutung verst\u00f6\u00dft.<\/p>\n<p><span style=\"text-decoration: underline;\">Inhalt des Vorabentscheidungsersuchen<\/span><\/p>\n<p>Der Korkein oikeus will zun\u00e4chst vom Gericht wissen, ob bei der Frage, wer f\u00fcr den Schaden aus einem gegen den Art. 101 AEUV versto\u00dfenden Verhalten haftet, nationales Kartellrecht oder aber der Art. 101 AEUV direkt einschl\u00e4gig ist. F\u00fcr den Fall, dass die europ\u00e4ische Richtlinie direkt angewendet wird, fragt das finnische Gericht, ob der Unternehmensbegriff aus dem Bu\u00dfgeldverfahren und dessen Grunds\u00e4tze auf die Schadensersatzpflicht \u00fcbertragen werden.<\/p>\n<p>F\u00fcr das gegenteilige Szenario, in dem nationales Recht statthaft ist, m\u00f6chte der Korkein oikeus wissen, ob ein engerer nationaler Unternehmensbegriff bei der Schadensersatzhaftung gegen das Effektivit\u00e4tserfordernis des Unionsrechts verst\u00f6\u00dft. Konkret wird gefragt:<\/p>\n<ul>\n<li>\n<p><em>Verst\u00f6\u00dft es gegen das Effizienzgebot der europ\u00e4ischen Union, wenn nach der Aufl\u00f6sung des verantwortlichen Unternehmens der rechtliche Nachfolger nicht f\u00fcr den entstandenen Schaden haftet?<em>\u00a0<\/em><\/em><\/p>\n<\/li>\n<li style=\"color: #000000; font-family: \">\n<p style=\"color: #000000; font-family: \"><em>Verst\u00f6\u00dft es auch gegen das Effektivit\u00e4tsverbot, wenn der Rechtsnachfolgers nach nationalen Recht nur dann haftet, wenn die Unternehmensumwandlung gesetzeswidrig, zum Zwecke der Umgehung der wettbewerbsrechtlichen Schadensersatzpflicht, in unlauterer Weise oder zumindest in Kenntnis bzw. fahrl\u00e4ssiger Unkenntnis von dem Wettbewerbsversto\u00df erfolgt ist?<\/em><\/p>\n<\/li>\n<\/ul>\n<p><em>Verst\u00f6\u00dft es gegen das Effizienzgebot der europ\u00e4ischen Union, wenn nach der Aufl\u00f6sung des verantwortlichen Unternehmens der rechtliche Nachfolger nicht f\u00fcr den entstandenen Schaden haftet?<em>\u00a0<\/em><\/em><\/p>\n<p style=\"color: #000000; font-family: \"><em>Verst\u00f6\u00dft es auch gegen das Effektivit\u00e4tsverbot, wenn der Rechtsnachfolgers nach nationalen Recht nur dann haftet, wenn die Unternehmensumwandlung gesetzeswidrig, zum Zwecke der Umgehung der wettbewerbsrechtlichen Schadensersatzpflicht, in unlauterer Weise oder zumindest in Kenntnis bzw. fahrl\u00e4ssiger Unkenntnis von dem Wettbewerbsversto\u00df erfolgt ist?<\/em><\/p>\n<p>Insofern muss der EuGH unabh\u00e4ngig davon, ob nun der Art. 101 AEUV direkt oder eben nationales Recht angewendet wird, die Frage beantworten, inwieweit der unionsrechtliche Unternehmensbegriff auf das nationale Kartellschadensersatzrecht durchschl\u00e4gt.<\/p>\n<p><span style=\"text-decoration: underline;\">Debatte in Deutschland<\/span><\/p>\n<p>Auch in Deutschland gab es im Zuge der Einf\u00fchrung der 9. GWB Novelle eine Kontroverse zur Einf\u00fchrung des europ\u00e4ischen Unternehmensbegriffs auf Bu\u00dfgeldverfahren im deutschen Kartellrecht. In Anlehnung an den europ\u00e4ischen Unternehmensbegriff haftet nach <br \/> \u00a7 81 GWB nicht nur das handelnde Unternehmen sondern auch verschuldensunabh\u00e4ngig der Mutterkonzern f\u00fcr Verst\u00f6\u00dfe gegen Art. 101 AEUV. Zuvor waren dem Kartellamt im Fall des Wurstkartells 238 Millionen Euro an Bu\u00dfgeldern durch gezielte Umstrukturierungen entgangen.<\/p>\n<p>Von den Kritikern dieser Regelung wurde geltend gemacht, dass die Gesetzesregelungen zur Konzernhaftung weit \u00fcber das Schlie\u00dfen der sogenannten \u201eWurstl\u00fccke&#8220; hinausgegangen seien. Die Konzernhaftung sei daf\u00fcr gar nicht ben\u00f6tigt worden, da Defizite allein auf der Rechtsnachfolgeseite aufgetreten seien. Die Einf\u00fchrung einer verschuldensunabh\u00e4ngigen Konzernhaftung im Bu\u00dfgeldrecht verst\u00f6\u00dft nach einigen Stimmen in der Literatur gegen den Schuldgrundsatz, dem als Ausformung des Rechtsstaatsprinzips Verfassungsrang zukommt.<\/p>\n<p>Offen &#8211; auch in Deutschland &#8211; ist nach wie vor die Frage, ob der unionsrechtliche Unternehmensbegriffs auch f\u00fcr das Kartellschadensersatzrecht Geltung beanspruchen kann. Der deutsche Gesetzgeber hatte von einer Angleichung f\u00fcr das Zivilrecht bislang Abstand genommen. Insofern ist das Ergebnis des Vorabentscheidungsgesuchs auch f\u00fcr Deutschland interessant.<\/p>\n<p><span style=\"text-decoration: underline;\">ECN-Richtlinie <\/span><\/p>\n<p>Inzwischen hat die EU gekl\u00e4rt, ob der unionsrechtliche Unternehmensbegriff im nationalen Kartellbu\u00dfgeldverfahren Anwendung findet: Ende Mai 2018 einigten sich das Europ\u00e4ische Parlament, die Europ\u00e4ische Kommission und die bulgarische EU-Ratspr\u00e4sidentschaft in den ECN+-Richtlinien, dass k\u00fcnftig in allen Mitgliedstaaten der europ\u00e4ische Unternehmensbegriff und damit die obligatorischen Einf\u00fchrung einer verschuldensunabh\u00e4ngigen Konzernverbundhaftung gelten soll (<em>vgl. FIW-Artikel vom 29.06.2018<\/em>). Nach der offiziellen Annahme haben die Mitgliedstaaten zwei Jahre Zeit, um die Vorgaben in nationales Recht umzusetzen.<\/p>\n<\/div><\/div>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>EUGHVorabentscheidungsersuchenUnternehmensbegriffKartellschadensrechtBu\u00dfgeldverfahrenECN+ Vorabentscheidungsersuchen: https:\/\/eur-lex.europa.eu\/legal-content\/DE\/TXT\/HTML\/?uri=CELEX:62017CN0724&amp;from=EN Am 5. 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